Praxisorientierte Antworten auf eine globale Herausforderung
Digitale Sequenzinformationen (Digital Sequence Information, DSI) – also digital gespeicherte Informationen über die Erbsubstanz von Organismen – sind heute eine unverzichtbare Grundlage der Biodiversitätsforschung und vieler weiterer Lebenswissenschaften. Gleichzeitig stehen sie im Zentrum einer internationalen Debatte: Wie lässt sich der freie Austausch genetischer Daten erhalten – und gleichzeitig sicherstellen, dass auch die Herkunftsländer biologischer Ressourcen angemessen von ihrer Nutzung profitieren?
Ein jetzt in Scientific Data veröffentlichter Leitfaden liefert konkrete Antworten. Unter der fachlichen Leitung des Leibniz-Instituts DSMZ (Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen GmbH) und mit maßgeblicher Unterstützung der Gesellschaft für Biologische Daten (GFBio e.V.) sowie des Leibniz-Instituts für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) beschreibt das internationale Autorenteam, wie biologische Datenbanken die Anforderungen des neuen multilateralen UN-Mechanismus praktisch umsetzen können – ohne den offenen Zugang zu wissenschaftlichen Daten einzuschränken.
Für GFBio knüpft die Publikation unmittelbar an das zentrale Anliegen des Vereins an: biologische Forschungsdaten offen, auffindbar, nachnutzbar und verantwortungsvoll verfügbar zu machen – und zugleich tragfähige Lösungen für das Datenmanagement in den biologischen Wissenschaften zu entwickeln.
Warum digitale Sequenzinformationen international neu geregelt werden
Der auf der UN-Biodiversitätskonferenz beschlossene Mechanismus zum Vorteilsausgleich soll künftig dazu beitragen, finanzielle und nicht-finanzielle Vorteile aus der Nutzung digitaler Sequenzinformationen gerechter zu verteilen. Hintergrund ist, dass genetische Daten weltweit Forschung und Innovation ermöglichen – von der Biodiversitätsforschung bis zur Entwicklung neuer Medikamente. Die biologischen Ressourcen, aus denen diese Daten hervorgehen, stammen jedoch häufig aus anderen Ländern als denjenigen, in denen sie später wissenschaftlich oder wirtschaftlich genutzt werden. Künftig sollen deshalb auch die Herkunftsländer sowie betroffene indigene Völker und lokale Gemeinschaften angemessen von den daraus entstehenden Vorteilen profitieren. Gleichzeitig ist der freie Zugang zu biologischen Daten eine Grundvoraussetzung für Forschung. Die Herausforderung besteht also darin, wissenschaftliche Offenheit und einen gerechten Vorteilsausgleich miteinander zu verbinden.
Der neue Leitfaden zeigt, wie das gelingen kann: Zu seinen Empfehlungen zählen u.a. eine bessere Erfassung relevanter Metadaten, transparente Informationen für Nutzende biologischer Datenbanken sowie Ansätze, um neben finanziellen auch nicht-monetäre Beiträge wie Wissenstransfer, Capacity Building oder internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit sichtbar zu machen. Damit bietet er Betreiber:innen biologischer Datenbanken praxisnahe Orientierung dabei, die neuen internationalen Anforderungen in bestehende Prozesse zu integrieren. Zugleich schafft er eine gemeinsame fachliche Grundlage für möglichst anschlussfähige Lösungen über einzelne Datenbanken hinweg. Davon profitieren letztlich auch Forschende: Klare und möglichst einheitliche Verfahren schaffen Transparenz und tragen dazu bei, dass digitale Sequenzdaten auch künftig offen, verlässlich und verantwortungsvoll genutzt werden können.
„Unsere starke Rolle in diesem Prozess ist nicht zuletzt dem starken Netzwerk geschuldet, das wir mit der NFDI in Deutschland geschaffen haben“
Die Publikation entstand in enger Zusammenarbeit von Expert:innen biologischer Datenbanken aus Forschung, Forschungsdatenmanagement sowie internationaler Biodiversitätspolitik. DSMZ und GFBio schufen in einer dreijährigen gemeinsamen Machbarkeitsstudie wichtige Grundlagen, indem sie Interviews mit Datenbankmanager:innen und interaktive Workshops mit Wissenschafts- und Policy-Expert:innen führten sowie Analysen zur aktuellen Praxis der Datenbanknutzung durchführten. Der Leitfaden ist das Ergebnis einer abschließenden Workshop-Reihe, die gemeinsam mit dem internationalen DSI Scientific Network durchgeführt wurde. „Unsere starke Rolle in diesem Prozess ist nicht zuletzt dem starken Netzwerk geschuldet, das wir mit der NFDI in Deutschland geschaffen haben“, sagt Barbara Ebert, Geschäftsführerin von GFBio und eine der beiden Projektleiterinnen. „Die in den NFDI-Konsortien vertretenen Betreiber biologischer Datenbanken waren wichtige und engagierte Partner, die entscheidend zum Erfolg der Studie beigetragen haben.“
Frank Oliver Glöckner, Vorstandsvorsitzender von GFBio und Sprecher von NFDI4Biodiversity, ergänzt: „Forschungsdateninfrastrukturen schaffen nicht nur die Voraussetzungen für exzellente Wissenschaft – sie können auch dazu beitragen, internationale Herausforderungen praktisch lösbar zu machen. Der neue Leitfaden ist dafür ein überzeugendes Beispiel: Er verbindet wissenschaftliche Offenheit mit globaler Verantwortung und zeigt, welchen Mehrwert starke Netzwerke wie GFBio und NFDI4Biodiversity entfalten können, wenn sie ihre Expertise in internationale Prozesse einbringen.“
Die Arbeiten wurden durch das Bundesamt für Naturschutz (BfN) mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit gefördert (Projektnummer 3522800600).
Weitere Informationen zum Leitfaden und zu seinem entstehungsgeschichtlichen sowie wissenschaftspolitischen Hintergrund bietet die Pressemitteilung des DSMZ.
___________________
Publikation
Raposo, D. S., Faggionato, D., Scholz, A. H. et al. (2026). How can biological databases support the new UN mechanism for benefit-sharing from digital sequence information? Scientific Data. DOI: 10.1038/s41597-026-07725-y.
